Ich habe Angst vor diesem Spiel. An dem Tag, als ich es mir auf Steam gekauft habe (es war ein Sonntag, Gott sei Dank), habe ich zwölf Stunden am Stück nur gespielt. Pausen habe ich nur dann gemacht, wenn die Grafikkarte meines Macbooks nach stundenlangem Spielen mal wieder den Geist aufgegeben hat. Neustart -> Steam -> Crusader Kings II. Auch die nächsten Tage waren nicht besser. Ich kam von der Arbeit nach Hause und habe mich sofort wieder ins mittelalterliche Europa gestürzt. Meine Kinder verheiratet, zahllose Ehefrauen getötet, weil sie zu alt wurden, gegen rebellierende Söhne, Onkel und Tanten gekämpft, Königreiche erobert und Kaiser gestürzt. So viel Spaß hatte ich selten.
Aber vielleicht sollte ich erst einmal meiner Informationspflicht nachkommen und erklären, worum es überhaupt geht. Crusader Kings II ist ein hochkomplexes Strategiespiel aus dem Hause Paradox Interactive – das für seine hochkomplexen Strategiespiele berüchtigt ist. Alle Fürsten, Barone, Könige, Grafen und Kaiser dieser Epoche können gespielt werden. Alle. Ich begann aus Lokalpatriotismus mein Spiel im Jahr 1066 mit dem Grafen der Pfalz, Hermann Ezzonen. Sein Lehnsherr ist der Herzog der oberen Lorraine, der wiederum nur ein Vasall des Kaisers des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nationen ist. Alle meine Lehnsherren können ungefragt meine Truppen abziehen, um sie für ihre eigenen Scharmützel zu gebrauchen. Das Ziel ist also klar: Selbst Herzog, König, Kaiser aufsteigen. Anders als andere Strategiespiele, ist die Eroberung fremder Gebiete in Crusader Kings II nur sehr mühsam und durch viel diplomatisches Geschick möglich. Eine Kriegserklärung muss gewissenhaft über Jahrzehnte (!) vorbereitet werden. Was langweilig klingen mag, ist aber in Wahrheit über Stunden fesselnd. Dadurch, dass die Verteilung der Ländereien gottgegeben ist, brauch man für jeden Angriff einen Casus Belli…
Stop. Während gerade die Worte auf den Bildschirm fliegen und ich voller Euphorie über das beste Spiel dieses Jahres schreibe, steigt in mir schon wieder die Angst hoch. Ich bin hochgradig süchtig nach Crusader Kings II. Mein Steamaccount zeigt im Moment zwar nur 26 Stunden Spielzeit an, aber ich glaube, es sind in Wahrheit doppelt so viel, weil ich tagelang im Offline-Modus gespielt habe. Ich habe Angst vor der verlorenen Lebenszeit, die ich in diesen Reiz-Reaktions-Automaten CK II stecke. Die kleinsten Entscheidungen, die in diesem Spiel zu treffen sind, tragen über kurz oder lang Früchte. Das liegt vor allen Dingen daran, dass man nicht nur eine Figur spielt, sondern nach deren Tod die Kontrolle über ihren Erben erlangt. Ziel ist es, das Prestige des Hauses zu steigern – egal mit welchen Mitteln.
Das Interessante an solchen Simulationen ist, dass sie uns zeigen, wie beschränkt menschliches Handeln manchmal sein kann. Heinrich VIII der als blutrünstiges Monster in die Geschichte einging hat vielleicht auch nur aus der Logik seiner Zeit heraus gehandelt. Als Hermann Ezzonen, beziehungsweise dessen Nachkommen, habe ich schon einige Ehefrauen umbringen lassen. Einfach, weil sie keine männlichen Nachkommen geboren haben. Töchter sind nur als Tauschgegenstand wertvoll, sie können benutzt werden, um wichtige Allianzen zu schließen. Die Heiratspolitik einer Maria Theresia wird so absolut nachvollziehbar. All die absurden Kriege eines so fragmentierten Reiches, all das vergossene Blut ist durch eine einfache innere Logik begründbar: fressen oder gefressen werden. Angriff ist wie so oft die beste Verteidigung vor fingierten Ansprüchen auf das eigene Land. Um zu siegen, muss auf Humanität verzichtet werden. So
So habe ich als Pfalzgraf Ezzonen gestartet, bin aber im Verlauf des ersten Jahrhunderts schon zum Herzog der oberen Lorraine aufgestiegen. Nach einer Spielzeit von circa 8 bis 10 Stunden. Plötzlich unterstand ich direkt dem Kaiser, konnte sogar an dessen Wahl teilnehmen. Mein direkt kontrollierten Gebiete (Desmene) sind so stark angewachsen, dass ich den Zorn meiner Vasallen auf mich zog. Es half nur, das Gebiet unter meinen Söhnen aufzuteilen, vorzugsweise dem Sohn mehr zu geben, der ohnehin nicht mein Erbe sein sollte. Die hier algorithmisch abgebildete Gier der Menschen nach mehr und mehr Land, Geld und Einfluss, die sich aus den Regeln des Spiels, das wir Politik nennen, speist, kann aber dazu führen, dass sich dieser Sohn nun gegen mich wendet. I want it all and I want it now. So vergehen Jahrzehnte und Jahrhunderte, in einer Tretmühle, die ständig diplomatisches Geschick erfordert und hochgradig süchtig macht.
Stop! Während des Schreibens kämpfe ich wieder mit meiner eigenen Euphorie. Am liebsten würde ich all die spannenden Geschichten, die ich schon im mittelalterlichen Europa erlebt habe, aufschreiben. All die gestürzten Königinnen, missglückten Mordversuche, rauschenden Feste, gefangenen Vasallen und ermordeten Thronfolger. Crusader Kings 2 ist nicht nur ein fantastisches Strategiespiel, sondern eine riesige Geschichten-Erzählmaschine, mit Geschichten von shakesperarischem Format – Hamlet, the video game. Darüber sind sich auch die Entwickler bewusst. Wenn mir mal wieder ein fremdes Herzogtum den Krieg erklärt, erscheint eine Bildschirmnachricht, ich werde für meine “Greek Plays” büßen. Besser hätte ich es auch nicht formulieren können.